Antwort: Aufgewachsen bin ich in Sheffield, wo ich noch immer lebe. Ich stamme aus einer einfachen Arbeiterfamilie und bin zu einer Zeit gro§ geworden, als die Stadt noch von der Stahlindustrie geprŠgt war. Obwohl ich an anderen Orten gelebt habe, hat es mich immer wieder hierher zurŸckgezogen. Die Stadt hat keinen besonders guten Ruf, aber ich finde, dass man hier gut leben kann. Sie ist wesentlich grŸner, als die meisten Leute glauben Ð nicht im škologischen Sinne, sondern aufgrund der Parks und der Umgebung. Meine Romane lasse ich allerdings nicht hier spielen, weil ich der Meinung bin, dass man seine ObjektivitŠt verliert, wenn man einen Ort zu gut kennt. Andere Autoren haben damit kein Problem, es ist also wohl nur eine Frage der Herangehensweise.
F: Was haben Sie getan, bevor Sie hauptberuflich zu schreiben begannen?
A: Nach der UniversitŠt habe ich mich ein paar Jahre als Hausmeister durchgeschlagen, was besonders im Winter kein Spa§ war. Danach habe ich eine Weile in Spanien Englisch unterrichtet, bin dann nach England zurŸckgekehrt und habe in verschiedenen Bands Schlagzeug gespielt. Aus keiner ist etwas geworden, bei einigen befreundeten Musikern stellte sich jedoch der Erfolg ein, nachdem ich gegangen war, das hat mir zu denken gegeben. UngefŠhr zur gleichen Zeit begann ich Artikel fŸr Zeitungen und Magazine zu schreiben. Ich habe keine formale Ausbildung als Journalist, die Arbeit ist meiner Meinung nach aber eine gro§e Hilfe, um gute Romane zu schreiben. Sie zwingt einen zur Disziplin, au§erdem sitzt man durch die Recherchen nicht die ganze Zeit am Schreibtisch, was keine schlechte Sache ist. Und wenn ich nicht journalistisch tŠtig gewesen wŠre, hŠtte ich nie die Body Farm besucht und die Idee fŸr Die Chemie des Todes gehabt.
F: Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?
A: Ich war immer am Schreiben interessiert, doch erst, als ich in Spanien gelehrt habe, reifte der Gedanke, mich tatsŠchlich als Autor zu versuchen. Ich habe damals abends gearbeitet und deshalb am Tage geschrieben. Allerdings kam der Erfolg keineswegs Ÿber Nacht, es hat sechs Jahre gedauert, bis mein erstes Buch endlich veršffentlicht wurde. Ich hatte keinen Agenten und habe das Manuskript auf eigene Faust den Verlagen angeboten. Nach zahllosen Ablehnungen wurde es aus dem riesigen Stapel unverlangt eingeschickter Manuskripte gezogen, und innerhalb von achtundvierzig Stunden hatte ich sowohl einen Buchvertrag als auch einen Agenten. Damit kam der Stein ins Rollen.
F: Haben Sie sich immer als Krimiautor gesehen?
A: Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich irgendwann dasa§ und mir dachte: Okay, ich werde einen Krimi schreiben. Ich glaube, es war eher so, dass sich meine Ideen zunehmend mit den dunkleren Seiten des Lebens beschŠftigten, es war also eher eine natŸrliche Entwicklung als eine bewusste Entscheidung.
F: Welche Art von Krimis schreiben Sie Ihrer Meinung nach?
A: Die Romane um David Hunter fallen wohl in die Kategorie der forensischen Thriller, weil der Protagonist ein forensischer Anthropologe ist. Aber die Charaktere und ihre psychologischen Motivationen sind mir genauso wichtig wie die forensischen Aspekte. Und obwohl ich kein Problem damit habe, als Krimiautor betrachtet zu werden, gefŠllt es mir nicht, wie Krimis in eine Schublade gesteckt werden. Einige Leute rŸmpfen bei Krimis noch immer die Nase, so als wŠren sie keine ãrichtigeÒ Literatur. Ich glaube, das Šndert sich langsam, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Krimi in absehbarer Zeit fŸr den Man-Booker-Preis nominiert wird.
F: Welche Krimiautoren mšgen Sie besonders?
A: FrŸher stand ich total auf die Romane von Raymond Chandler, und Der lange Abschied halte ich noch heute fŸr einen Klassiker. Au§erdem liebe ich die BŸcher von John D. MacDonald um Travis McGee. Auch das ist ein zerrissener und introvertierter Protagonist, obwohl McGee ein raubeinigerer Typ ist als David Hunter. Mein Favorit ist jedoch Peter OÕDonnell - seine Modesty-Blaise-Reihe ist einsame Spitze. Unter den zeitgenšssischen Autoren halte ich James Lee Burke fŸr den Besten. Um noch einmal auf die letzte Frage zurŸckzukommen: Jeder, der meint, Krimis kšnnen keine gute Literatur sein, sollte einen seiner Romane lesen.
F: Sie sagten, dass die Idee fŸr Die Chemie des Todes durch einen Besuch auf der Body Farm in Tennessee entstanden ist. Aber wie hat sich David Hunter als Ihr Protagonist entwickelt? Gibt es ein Vorbild fŸr David Hunter?
A: Nein, David Hunter ist eine absolut fiktive Figur. Die forensischen Techniken, die er benutzt, sind jedoch allesamt authentisch. Als ich die Hauptfigur entwickelt habe, wusste ich am Anfang nur, wie sie nicht sein sollte. In der Krimiliteratur gibt es bereits genug schwer trinkende, hartgesottene Au§enseiter, da wollte ich keinen hinzufŸgen. Ich wollte einen Charakter, der zerrissen ist, der introvertiert und in mancher Hinsicht sogar ein wenig verletzlich ist. Hunter ist sehr menschlich Ð er zweifelt stŠndig an sich. Trotzdem hat er eine sture Seite. Er hat klare moralische Kategorien, und wenn er an etwas glaubt, tritt er dafŸr ein. Sobald mir klar war, was er fŸr ein Charakter ist, ging es vor allem darum, eine Ÿberzeugende Hintergrundgeschichte fŸr ihn zu erschaffen. Und wenn man das getan hat, dauert es nicht mehr lange, und die Figur nimmt ein Eigenleben an.
F: Ein paar Fakten aus Hunters Vergangenheit sind bekannt, aber es gibt eine Menge Dinge, die wir nicht von ihm wissen. Wollen Sie das verŠndern?
A: Auf jeden Fall. Im Verlauf der Serie werden wir mehr Ÿber Hunters Geschichte erfahren Ð vielleicht wird die eine oder andere Überraschung dabei sein. Allerdings werden diese Informationen Ÿber die BŸcher gestreut. Ich finde es spannender, einen Charakter nach und nach kennenzulernen, anstatt seine gesamte Biographie auf einmal zu erfahren.
F: Haben Sie selbst eine wissenschaftliche Ausbildung?
A: Im Grunde nicht. Allerdings wollte ich mal Biochemiker werden. Ich war ganz darauf eingestellt, Biochemie zu studieren, und hatte sogar schon einen Studienplatz. Doch dann bin ich im Abitur in Biologie und Chemie durchgefallen und habe schlie§lich Englisch studiert. Komisch, wie das Leben manchmal spielt, oder?
F: Wie wichtig ist Recherche fŸr Ihr Schreiben?
A: Sehr wichtig. Die Geschichte darf nicht von Recherche bestimmt werden, aber wenn wissenschaftliche und andere Details genau sind, wird sie glaubwŸrdiger. Und als freier Journalist habe ich eine regelrechte Phobie vor inhaltlichen Fehlern. Wenn ich also etwas nicht wei§, frage ich jemanden, der Ahnung von dem Thema hat. Sowohl in England als auch in den USA gibt es eine Reihe fŠhiger forensischer Anthropologen, die mir auf diesem Gebiet helfen. DarŸber hinaus suche ich gern nach Fachleuten zu jedem anderen Sachgebiet, zu dem ich Informationen brauche, seien es diabetische Komas oder die Kommunikation der Polizei auf den €u§eren Hebriden. Au§erdem besuche ich die Orte, an denen ein Buch spielt, um ein GefŸhl fŸr Land und Leute zu bekommen. NatŸrlich kšnnen sich immer Fehler einschleichen, aber ich bemŸhe mich, sie zu vermeiden.
F: Werden Sie die Body Farm irgendwann erneut besuchen?
A: Ja, wenn es den Verantwortlichen dort passt. Ich habe bereits mit ihnen darŸber gesprochen, die nŠchste Reise kšnnte also bald stattfinden. Und wer wei§? Vielleicht reist auch David Hunter irgendwann wieder dorthin ...