Die weißgekleideten Gestalten arbeiten schon seit einigen Stunden in den heißen Wäldern Tennessees. Nachdem die Polizei einen Tipp erhielt, dass ein Serienmörder dort mindestens eines seiner Opfer verscharrt hat, haben sie am frühen Morgen ein mutmaßliches Grab entdeckt. Gerade als sie damit beginnen, die †berreste der Leiche freizulegen, macht eine der Frauen im Team die anderen auf eine unangenehme Entwicklung aufmerksam. „Passt auf“, sagt sie und schaut in die Grube. „Sieht so aus, als hätten wir zwei Leichen.“
Das Szenario ist gestellt: Es hat keinen Tipp gegeben, und es gibt keinen Serienmörder. Doch die Leichen sind echt. Was eine besonders grässliche Form der Täuschung sein könnte, ist nur ein Spiegelbild der wesentlich grausigeren Realität, die hier rekonstruiert werden soll. Denn wenn dies tatsächlich ein Mordfall wäre, könnten die gefundenen forensischen Beweise bei der Erfassung des Mörders helfen. Falsch behandelt könnten sie jedoch dazu führen, dass dieser Mörder freikommt.
Die in den Wäldern Tennessees durchgeführte †bung ist Teil eines neuen Ausbildungsprogrammes der National Forensic Academy in Knoxville für Polizeibeamte und Techniker der Spurensicherung. Das Programm soll †bungen anbieten, die dem Ernstfall so nah wie möglich kommen. Für das Bombenkommando werden echte Autos in die Luft gejagt, für die Brandbekämpfungseinheit Häuser niedergebrannt - und für die forensischen Anthropologen werden menschliche Leichen vergraben.
„Wir versuchen, jedes Kapitalverbrechen abzudecken“, sagt Jarrett Hallcox, der Koordinator des NFA-Programmes. „Es gibt nichts Besseres als praktisches Lernen. Um einen Polizeibeamten in einem Klassenzimmer zu halten, müsste man ihn schon an seinen Stuhl binden. Wenn er aber sieht, wie ein Auto explodiert, wird er sich viel besser an das Gelernte erinnern, als hätte man ihm nur davon erzählt.“
Vom Justizministerium gegründet, ist die NFA ein Teil des Zentrums für innovative Strafverfolgung, einer Partnerschaft der Universität von Tennessee und der Polizei von Knoxville. Spezialisten von Organisationen wie dem FBI und dem ATF (Bureau of Alcohol, Tobacco, Firearms and Explosives) sowie zivile Experten sind die Dozenten des zehnwöchigen Kompaktkurses, der eine Mischung aus Laborarbeit, Seminar und realistischen Feldübungen ist. Hier werden die Studenten in allen Aspekten der Spurensicherung unterwiesen, von Blutmusteranalysen und Schussrückständen bis hin zum Umgang mit Terrorattentaten und Massenvernichtungswaffen. Und Mord.
Diese Ausbildung ist die erste ihrer Art in den USA. Medienwirksame Kriminalfälle wie der Mordprozess um O.J. Simpson, bei dem Zweifel an den Beweisen der Anklage zu Simpsons Freispruch beitrugen, haben deutlich gemacht, wie wichtig die Arbeit der Spurensicherung ist und wie notwendig die korrekte Sammlung, Identifizierung und Konservierung von Beweismaterial.
Denn obwohl in den einzelnen forensischen Disziplinen wie Fingerabdrucknahme und Tatortfotografie bereits Kurse existierten, hatte es bisher keine Lehrgänge gegeben, die einen übergreifenden Ansatz boten, geschweige denn einen nationalen Standard. Während sich in England polizeiliche und zivile Ermittler der Spurensicherung einer anerkannten Ausbildung unterziehen müssen (normalerweise im Nationalen Ausbildungszentrum in Durham, die Londoner Polizei hat eine eigene Schule) variieren in den USA die Anforderungen - und die Standards - von Staat zu Staat.
„Die Ausbildung der Beamten der Spurensicherung hat etwas vom Wilden Westen. Jeder feuert blindlings drauflos und hofft, etwas zu treffen“, sagt Hallcox. „In ländlichen, kleinen Polizeirevieren kann man ohne formale Ausbildung bei der Spurensicherung landen. Mit ein bisschen Erfahrung wird man dort zum Experten. Und wenn ein Fall vor Gericht kommt, fangen die Probleme mit der Beweisführung an.“
Mittlerweile ist die forensische Ausbildung ein heißes Thema in den USA, sagt Hallcox. Endlich wird anerkannt, dass ein gewisser „Zentralisierungsprozess“ notwendig ist, damit jeder vor Gericht aussagende Polizeibeamte oder Techniker der Spurensicherung ein national anerkanntes Ausbildungsniveau aufweisen kann, unabhängig davon, aus welchem Staat er kommt. Und für diesen Maßstab soll die NFA sorgen. „Gemeinsam mit dem Kongress und dem Justizministerium sind wir der Meinung, dass wir für eine Standardisierung sorgen können“, bekräftigt Hallcox. Die Akademie hat im Herbst 2001 ihre Pforten geöffnet, nach beinahe zwei Jahren Forschung und Entwicklung. Wenn es an der Notwendigkeit einer solchen Ausbildung noch Zweifel gegeben hätte, wurden diese sechs Tage vor Beginn des ersten Kurses auf eine Weise beiseite gewischt, die niemand für möglich gehalten hätte. „Der 11. September hat alle wachgerüttelt“, räumt Hallcox ein. „Wir befanden uns in den letzten Vorbereitungen für unseren ersten Kurs, als es passierte. Mitten in der zweiten Kurswoche, in der ein Einsatzteam des FBI die Fotografie von Beweismaterial lehren sollte, wurden unsere Dozenten nach Pennsylvania beordert, um das Flugzeugwrack zu untersuchen.“
Nachdem der größte Tatort der Welt plötzlich mitten in New York lag, erhielt die Forensik eine völlig neue Bedeutung. „Mit einem Mal sahen die Leute, welches Ausmaß ein Verbrechen haben kann. Der Anschlag machte klar, wie wichtig die Ausbildung der Spurensicherung ist“, sagt Hallcox.
Für 2002 hat die NFA drei Kurse angesetzt (ab 2003 sollen es vier sein), und die sechzehn Plätze waren heiß umkämpft. Die Gebühr von 6500 Dollar wird normalerweise von den Polizeidienststellen gezahlt, von denen die Studenten kommen, und beinhaltet die Unterkunft und die Benutzung eines Laptops sowie des technischen und fotografischen Equipments für die Dauer des Kurses. Als Abschluss müssen die Studenten erfolgreich Tatorte bearbeiten, die von Teams des FBI nachgestellt worden sind.
Die Akademie befindet sich in der Zentrale des Zentrums für innovative Strafverfolgung, einem großen Backsteingebäude, das groteskerweise auch den Jungen- und Mädchenclub des Großraums Knoxville beherbergt.
Am Anfang richtete sich der Kurs vor allem an ländliche Strafverfolgungsbehörden, dort war der Bedarf am größten. Zurzeit stammen die meisten Studenten aus dem Südosten der USA, vor allem aus Tennessee. Aber der Ruf der Akademie hat sich bereits nach drei Semestern im ganzen Land verbreitet. Mittlerweile sind Studenten aus weit entfernten Staaten wie Illinois, Florida und North Dakota nach Tennessee gekommen und haben am Kurs teilgenommen.
Am Montagmorgen ihrer sechsten Woche beginnen die Studenten des dritten Kurses um acht Uhr in den Seminarraum zu strömen. Sie tragen eine Art Uniform: dunkelblaue Poloshirts (mit dem NFA-Logo aus einem Schädel, einem Fingerabdruck und einer Pistole auf einem Schild), Militärhose und schwarze Stiefel. Es sind überwiegend Polizeibeamte, zum größten Teil massige, muskulöse Männer. Aber es gibt Ausnahmen.
„Ich bin hier, um meine bereits erworbenen Fähigkeiten zu verbessern und neue zu lernen“, sagt Jennifer Rhinebarger, eine der vier Frauen des Kurses. Als zivile Ermittlerin der Spurensicherung der Polizei von Plato, Texas, hat sie innerhalb von fünf Jahren schon über vierhundert Stunden forensischer Ausbildung hinter sich gebracht. Dennoch wollte sie die Kurse der NFA auf keinen Fall versäumen. „Alle Dozenten hier sind auf ihren Gebieten nicht nur in den USA, sondern weltweit anerkannt, bessere Lehrer kann man nicht bekommen.“
Bisher hat der Kurs bereits Themen wie die Organisation am Tatort, Fingerabdrucknahme und forensische Skizzen abgehandelt. In der kommenden Woche steht das Thema an, auf das alle warten: die Leichenbergung.
Während auch andere Länder eine der NFA ähnliche Ausbildung haben (das nationale Ausbildungszentrum der britischen Polizei in Durham arbeitet in seinen neunwöchigen Kursen auch mit nachgestellten Tatorten), so ist die Akadamie doch einzigartig in ihrem Bemühen um Authentizität. Umso lebensechter die Nachstellungen sind, so lautet hier die Auffassung, desto besser sind die Studenten auf den Ernstfall vorbereitet. Für die Blutmusteranalyse werden statt Schweineblut menschliche Blutkonserven verwendet, deren Verfallsdaten abgelaufen sind; um Fälle von Brandstiftung nachzustellen, werden nicht extra errichtete Attrappen, sondern zum Abriss stehende Häuser in Brand gesetzt. Doch was die Ausbildung der NFA von allen anderen unterscheidet, sind die †bungen zur Leichenbergung.
„Sie sind unsere Visitenkarte. Das ist einmalig“, behauptet Hallcox. „Es gibt einige Orte, wo man die †berreste von Schweinen ausgraben kann, aber es gibt keine andere Forschungseinrichtung, wo man menschliche †berreste bergen kann. Weltweit nicht.“
Die Akademie wird gemeinsam mit dem Institut für Forensische Anthropologie der Universität von Tennessee betrieben. Die „Body Farm“, wie sie gemeinhin genannt wird, wurde 1980 von Dr. William Bass gegründet, um den Prozess der Verwesung zu dokumentieren und zu untersuchen. Vor allem aber sollten verlässliche Methoden zur Bestimmung des Todeszeitpunktes von menschlichen †berresten entwickelt werden.
Die Body Farm ist das einzige Institut der Welt, das für seine Forschung echte menschliche Leichen verwendet. Ein kleiner Teil davon sind Mittellose ohne Angehörige, die von medizinischen Gutachtern übergeben werden, die Mehrheit der Leichen aber wird entweder von den Personen selbst oder von ihren Familien der Forschung gestiftet. Allein im letzten Jahr erhielt das Institut auf diese Weise annähernd fünfzig Leichen, eine egalitäre Mischung aus Universitätsprofessoren, Anwälten, Krankenschwestern und Landstreichern.
Mit der Ausnahme des FBI, das jedes Jahr einen einwöchigen Lehrgang auf dem Gelände abhält, darf nur die NFA die Einrichtung für †bungen zur Bergung von Leichen benutzen.
Der Kurs wird in den nächsten drei Tagen zwei †bungen durchführen. Die erste heißt Oberflächenbergung und beinhaltet die Arbeit an einem nachgestellten Tatort mit verstreuten Skelettteilen. Bei der zweiten und schwierigeren †bung geht es darum, eine vergrabene Leiche zu bergen.
Einen Tag zuvor werden die Mitglieder des Kurses von Dr. Bass persönlich darin unterwiesen, worauf man zu achten hat, wenn man an einen Tatort kommt, an dem menschliche †berreste zu finden sind. Er hat während seiner Karriere an Dutzenden von Tatorten gearbeitet und ist noch immer, obwohl offiziell pensioniert, vom Institut nicht wegzudenken. Seine Snoopy-Krawatte und seine lässige Vortragsweise konterkarieren ein wenig sein grausiges Thema, aber die Ernsthaftigkeit ist nicht zu verleugnen.
„Es gibt keine dummen Fragen“, sagt er ihnen. „Bleiben Sie wachsam und aufmerksam, wenn Sie an einen Tatort kommen.“
Für die nächsten zwei Stunden präsentiert Bass den Studenten Dias von Tatorten, an denen er gearbeitet hat, dazu Lehren, die er daraus gezogen hat. „Verbranntes Material müssen Sie immer, wirklich immer röntgen, genauso mit Maden bedecktes Material. Darunter könnte sich ein Messer verstecken.“
€ußerlich ungerührt hört der Kurs zu, als Bass beschreibt, wie lange es dauert, bis eine Leiche vollständig verwest oder „skelettiert“ ist, welche Auswirkungen die flüchtigen Fettsäuren auf die Vegetation haben und dass die Haut bei der Verwesung „wie ein Handschuh“ von den Händen rutscht. Da sie bei einer im Freien liegenden Leiche schnell für Laub gehalten werden kann, wird sie von den ermittelnden Beamten häufig übersehen, wodurch ihnen eines der besten Mittel zur Identifizierung des Opfers entgeht (es klingt wie ein schauriges Rezept, als Bass ihnen erklärt, dass man von dieser Haut, wenn sie über Nacht in warmes Wasser eingelegt wird, noch immer Fingerabdrücke nehmen kann).
Am nächsten Morgen versammelt sich der Kurs in aller Frühe vor den Toren der Body Farm. Die Forschungseinrichtung erstreckt sich über ein achttausend Quadratmeter großes, hügeliges Waldgebiet, das hinter einem hohen Holzzaun und einem Maschendrahtzaun mit einer Stacheldrahtkrone versteckt ist. Während die Studenten sich großzügig mit Insektenspray einreiben (in Tennessee scheint alles zu beißen oder zu stechen), versuchen sie mit harmlosen Witzen ihre Nervösität zu überdecken. Dann ziehen sie sich weiße Schutzoveralls, Handschuhe und †berschuhe an. Für den Fall, dass jemand den Geruch nicht ertragen kann, stehen auch Masken zur Verfügung.
Die Gruppe kann es kaum noch erwarten, es ist aber auch eine gewisse Angst zu spüren, selbst bei den erfahreneren Beamten. „Ich habe schon ein paar Leichen gesehen, aber so etwas habe ich noch nie getan. Es ist mein erstes Mal“, sagt Sammy Liles, ein Police Lieutenant aus Martin, Tennessee. Liles, ein freundlicher Bär von einem Mann, soll wie die meisten der Kursteilnehmer das Erlernte an seine Kollegen weitergeben, wenn er in sein Polizeirevier zurückkehrt.
Doch trotz dreizehnjähriger Erfahrung gibt er zu, dass ihn die vor ihm liegende †bung nervös macht. „Jetzt geht es ums Ganze. Das ist wirklich die Praxis. Man kann sich so viel Dias ansehen und so viele Bücher lesen, wie man will, erst wenn man sich selbst die Hände schmutzig gemacht hat, weiß man Bescheid.“
Jackie Fish, der Projektmanager der NFA, gibt den Studenten letzte Anweisungen und erinnert sie daran, dass alle Leichen, die sie auf dem Gelände sehen werden, noch immer Individuen sind, deren Rechte respektiert werden müssen. Nach der Ermahnung, auf giftige Schlangen, Spinnen und Pflanzen aufzupassen, werden die Tore geöffnet und die Studenten hereingelassen.
Es ist eine makabere Szenerie. Zwei Leichen sind sofort zu sehen, aber sie gehören zu anderen Projekten und haben nichts mit der heutigen †bung zu tun. Auf dem Gelände wird unter anderem erforscht, wie lange es dauert, bis sich das Haar von einer Leiche ablöst, welche Rolle Insekten bei der Verwesung einnehmen, ja sogar welche unterschiedlichen Auswirkungen Licht und Schatten bei dem Prozess haben. Die Studenten wissen, was sie erwartet, und alle erkennen den Wert der Arbeit der Forschungseinrichtung an. Dennoch herrscht ein verständliches Schweigen, als sie den Hang hinaufgeführt werden, wo sie den Rest des Tages verbringen sollen.
Der Kurs ist in zwei Gruppen aufgeteilt worden, die jeweils an einem Tatort arbeiten. Da die †bung nicht in der Lokalisierung, sondern in der Bearbeitung der Tatorte besteht, hat man diese bereits mit gelbem Polizeiband abgesperrt. Zwischen den Bäumen und Büschen sind menschliche Knochen verteilt worden, deren Positionen die Ausbilder sorgfältig registriert haben, damit für jedes einzelne Beweisstück Rechenschaft abgelegt werden kann. Als zusätzlicher Test sind ohne Wissen der Studenten auch Spuren wie Insektenhüllen ausgelegt worden.
„Alle bereit, das Gelände zu durchkämmen?“, fragt Detective Brian Kiersey seine Gruppe. Der Dreiundvierzigjährige aus Collierville bei Memphis ist seit zwanzig Jahren Polizeibeamter und eines der erfahrensten Mitglieder seines Kurses. Obwohl er bereits an mehreren Mordermittlungen teilgenommen hat, ist der tatsächliche Bergungsprozess auch für ihn neu. Doch im Gegensatz zu einigen anderen freut er sich wirklich auf die †bung.
„Ich musste als Polizeibeamter schon vor Gericht über meine Beweisaufnahme an Tatorten aussagen. Daher weiß ich nur zu gut, dass man diese Arbeit nicht wiederholen kann. Wenn man sie vermasselt, kann man nicht nochmal von vorn beginnen. Ich hasse das.“
Die Studenten bilden eine Reihe und durchkämmen langsam den Tatort, wobei sie jeden Fund mit einem kleinen orangefarbenen Fähnchen markieren. Schnell wird deutlich, dass das nicht so einfach ist, wie es klingt: Das steile und unebene Gelände ist von einer dichten Laubschicht bedeckt, außerdem ist es schwer, die kleinen Knochen von Steinen und Holzstücken zu unterscheiden.
„Ich habe oben neben dem Baum einen Rückenwirbel gefunden“, sagt Kiersey während einer Trinkpause. Selbst im Schatten der Bäume ist es bereits heiß und schwül, die Overalls kleben auf der Haut. Kopfschüttelnd lacht Kiersey auf. „O Gott, was für ein Tag.“
Als er zu Ende geht, sind die Positionen aller Spuren, die die Studenten gefunden haben, aufgezeichnet und sorgfältig fotografiert worden (zwei Ausbilder von der Spurensicherung aus South Carolina sind angereist, um diesen Aspekt zu beaufsichtigen), zudem wurde jedes Beweisstück in eine braune Papiertüte verpackt, um es, wäre dies eine tatsächliche Ermittlung, ins Labor zu schicken. Eine Gruppe hat von den dreißig über den Tatort verteilten kleinen Knochen drei übersehen, die andere nur einen. Keine hundertprozentige Trefferquote, aber für einen Anfängerkurs nicht schlecht.
Doch jedem ist bewusst, dass der wahre Test am nächsten Tag auf sie wartet. Für die Leichenbergung wird der Kurs erneut in zwei Gruppen aufgeteilt. Unter Zuhilfenahme langer Metallsonden, um nach verräterisch weichem Boden zu suchen, sind die beiden Gräber schnell lokalisiert. Nach der Untersuchung mit einem Metalldetektor wird ein Gitternetz aus Fäden über die Stellen gelegt, sodass die Position von jedem Fund protokolliert werden kann. Dann beginnt die eigentliche Ausgrabung.
Es ist eine schmutzige, mühsame Arbeit, die archäologische Gründlichkeit erfordert. Der größte Teil der Erde wird mit Handkellen abgetragen, ehe jeder Kubikzentimeter sorgfältig gesiebt wird. Alles, was auch nur annähernd nach Beweismaterial aussieht, wird schriftlich festgehalten und eingetütet. Selbst Proben von Maden und Insekteneiern werden eingesammelt und in kleine Gläser verstaut - sie können Aufschluss darüber geben, wie lange die Leiche dort gelegen hat.
Bei einer Temperatur von mittlerweile über dreißig Grad Celsius liegen die Nerven bald blank. Eine Studentin meint, sie habe Gewebe gefunden. „Hautgewebe?“, fragt ein anderer. „Bestimmt kein Kleenex“, lautet die Entgegnung.
Doch erst nach mehreren Stunden entdeckt die erste Gruppe, was sie gesucht hat. „Sie trägt noch Socken“, sagt eine Studentin und fegt vorsichtig die Erde von dem Beinknochen, den sie freigelegt hat. Wenige Minuten später ist auch der andere ausgegraben. Leider wird kurz darauf ein dritter entdeckt. Um ein realistisches Serienmörderszenario nachzustellen, haben die Ausbilder zwei Leichen in ein Grab gelegt.
Währenddessen hat die zweite Gruppe ihre eigenen Probleme. Die Studenten haben schon über einen halben Meter tief gegraben und bisher nur eine Gewehrkugel, aber keine Leiche gefunden. Entweder liegt sie also tiefer, als sie vermutet haben, oder sie haben an der falschen Stelle gegraben. Man sagt ihnen, dass sie weitermachen sollen.
Es dauert bis zum nächsten Nachmittag, ehe die Leichen vollständig freigelegt sind. Da sie mehrere Monate zuvor hier vergraben wurden, sind die meisten †berreste bereits skelettiert, und an den Knochen hängen vermoderte Kleidungsstücke. Alles wird fotografiert, von der Position der Leichen werden Skizzen angefertigt. Nachdem die †berreste vorsichtig geborgen worden sind, besteht die letzte Aufgabe des Kurses darin, sie durch neue Leichen aus der Forschungseinrichtung zu ersetzen (die allerdings auch schon mehrere Monate alt sind), damit sie der nächste Kurs der NFA finden kann. Zum Schluss stecken die Studenten einen Zettel mit der Aufschrift „Viel Glück“ in eine Filmdose, die sie ebenfalls vergraben.
Müde, verschwitzt und schmutzig sind die meisten Studenten erleichtert, dass es vorbei ist. Doch niemand bezweifelt den Nutzen der †bung. „Es ist wirklich gut, diese Erfahrung zu machen. Nur so kann man umsetzen, was uns in den letzten zwei Wochen erzählt worden ist“, sagt Jennifer Rhinebarger. „Eine solche Gelegenheit hat man nur einmal im Leben.“
Trotz seiner anfänglichen Nervosität stimmt Sammy Liles zu. „Es ist heiß und anstrengend gewesen, aber man hat dabei ein echtes Gefühl dafür gekriegt, wie es ist, an einem Tatort mit einer Leiche zu arbeiten“, sagt er. „Ich hatte Angst, dass es furchtbar und grausam wird, aber es war nicht annähernd so schlimm, wie ich gedacht hatte. Zum größten Teil hat es mir gefallen, wenn man das so sagen kann. Ich würde es nicht hauptberuflich machen wollen, aber ich bin froh, dass ich hergekommen bin.“
Doch so realistisch das Ganze auch war, es war nur eine †bung. Die Leichen sind gestiftet gewesen und die Tatorte nachgestellt. Eine Erinnerung an den Grund und die Notwendigkeit dafür wird allerdings noch in derselben Woche geliefert: In Kalifornien ist ein fünf Jahre altes Mädchen von einem pädophilen Serienmörder entführt und ermordet worden. Obwohl schnell ein Verdächtiger verhaftet wurde, hat der Fall wieder einmal auf traurige Weise gezeigt, wie wichtig diese Ausbildung ist.
Die Akademie steckt zugegebenermaßen noch in den Anfängen. Nach erst drei Durchläufen wird an den Einzelheiten des Kurses noch gefeilt, wozu auch die Anregungen der Studenten beitragen. Doch bereits jetzt gibt es Anzeichen dafür, dass sich etwas verändert. „Wir bekommen ständig positive Rückmeldungen“, sagt Jackie Fish. „Die Studenten, die hier gewesen sind, kehren in ihre Behörden zurück und beginnen dort bereits selbst mit der Ausbildung und dem Aufbau von Spurensicherungsteams. Das ist ein großer Erfolg für uns, und es wird besser werden.“
Die Erwartungen sind hoch, wie die zusätzliche Summe von einer Million Dollar zeigt, die das Nationale Justizinstitut kürzlich zur Verfügung gestellt hat, um ein Nationales Forensisches Wissenschaftsinstitut in Tennessee aufzubauen, von dem die NFA nur ein Teil sein wird. Man hofft, dass die Akademie in den USA zu einem Modell für die Ausbildung von Beamten der Spurensicherung wird. Angesichts der Größe der Aufgabe wird das wohl noch eine gewisse Zeit dauern - fünfzig auf ihre Unabhängigkeit bedachte Staaten unter einen Hut zu bekommen, wird nicht leicht sein. Doch Jarrett Hallcox ist der Meinung, dass man sich diese Mühe machen muss.
„Die Arbeit der Spurensicherung ist nicht so glamourös wie in den Fernsehserien, wo die Ermittler schick gekleidet und geschminkt an den Tatort kommen. In Wirklichkeit hocken die Beamten auf Händen und Knien und wühlen sich durch den Dreck, weil irgendjemand diese Arbeit machen muss. Weil das Böse ein Teil unserer Welt ist.“
Zuerst erschienen in The Daily Telegraph Magazine,
2. 11. 2002